Zwangsräumung während der Messe in Oradea sorgt für Empörung

Großwardein/Oradea (Nagyvárad) – Bewaffnete rumänische Polizisten sind Mitte April während einer ungarischsprachigen Messe in eine katholische Kirche in Oradea eingedrungen, um die Zwangsräumung des Prämonstratenserabts Rudolf Anzelm Fejes durchzusetzen. Der Vorfall hat die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen rumänischen Behörden und der ungarischen Minderheit weiter verschärft.

Der Einsatz ereignete sich am 14. April in der barocken Kirche „Unsere Liebe Frau der Schmerzen“, einem seit Jahrhunderten zentralen Ort des ungarischen katholischen Lebens in Westrumänien. Augenzeugen berichten von einem mehrstündigen Patt: Gläubige stellten sich schützend vor ihren Abt und blockierten den Zugang zur Sakristei. Trotz Ankündigung, die Räumung über das angrenzende Schulgebäude abzuwickeln, drangen die Beamten direkt in die Kirche ein. Sie inventarisierten sogar liturgische Gegenstände. Abt Fejes zeigte sich schockiert: Ein solcher Eingriff in einen laufenden Gottesdienst sei „selbst in der jüngeren europäischen Geschichte beispiellos“.

Streit um historisches Eigentum

Im Kern des Konflikts steht ein historischer Gebäudekomplex des Prämonstratenserordens. Teile davon wurden bereits in kommunistischer Zeit verstaatlicht. Seit Jahren kämpft der Orden gerichtlich um die Rückgabe und Nutzung der verbliebenen Gebäude. Nun sollen auch Räume, die unmittelbar zur Kirche gehören – darunter Wohnräume des Abts und die Sakristei – geräumt werden.

Kritiker sehen darin mehr als einen reinen Eigentumsstreit. Sie werfen den Behörden vor, gezielt die religiöse und kulturelle Infrastruktur der ungarischen Gemeinschaft zu schwächen. Besondere Brisanz erhält der Fall durch ein geplantes Großprojekt: Die Stadt Oradea will das ehemalige Ordensgymnasium (heute staatliches Mihai-Eminescu-Lyzeum) mit rund 20 Millionen Euro EU-Fördermitteln sanieren. Bereits beim Bau eines kostenpflichtigen Parkhauses neben der Kirche entstanden Risse im denkmalgeschützten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert.

Bereits eine erste Räumungsaktion im Februar war am massiven Widerstand von Hunderten Gläubigen gescheitert. Auch nach dem Einsatz im April weigern sich Gemeindemitglieder, die betroffenen Räume zu verlassen. Der Rechtsstreit ist weiterhin nicht abgeschlossen.

Strukturelle Diskriminierung von Minderheiten

Der Vorfall steht nicht isoliert da. Auch die deutsche Minderheit in Rumänien leidet seit 1990 unter zunehmender Diskriminierung durch rumänische Behörden. Beobachter sehen ein Muster struktureller Benachteiligung verschiedener Minderheiten in Rumänien.

Für viele Vertreter der ungarischen Minderheit geht der Vorfall in Oradea weit über einen lokalen Konflikt hinaus. Sie sehen darin ein Beispiel systematischer Benachteiligung:

  • Historisch gewachsene ungarische Institutionen geraten zunehmend unter Druck.
  • Kirchliches Eigentum wird infrage gestellt oder in seiner Nutzung eingeschränkt.
  • Staatliche Maßnahmen treffen vor allem Einrichtungen der Minderheiten.

Die Kirche in Oradea gilt als identitätsstiftender Ort für die ungarischen Katholiken der Region. Ihr möglicher Verlust würde nicht nur religiös, sondern auch kulturell eine schwere Schwächung bedeuten. Kritiker sprechen von einer Fortsetzung antungarischer und antikatholischer Politik, die bis in die Zeit vor 1936 zurückreicht.

Verhaltene politische Reaktionen

Während ungarische Oppositionspolitiker vor Ort Präsenz zeigten, fielen die Reaktionen der offiziellen Stellen auf beiden Seiten zurückhaltend aus. Weder die rumänische Regierung noch führende Vertreter der ungarischen Minderheitenparteien griffen entschieden ein. Einige Stimmen fordern nun eine Untersuchung auf EU-Ebene – vor allem mit Blick auf die Verwendung europäischer Fördergelder.

Der Konflikt um die Prämonstratenserkirche in Oradea zeigt exemplarisch, wie eng Eigentumsfragen, Religionsfreiheit und Minderheitenrechte in Rumänien miteinander verknüpft sind. Der weitere Verlauf des Verfahrens dürfte weit über die Stadt hinaus Beachtung finden – als Gradmesser für den Umgang Rumäniens mit seinen nationalen Minderheiten.